Die eigentliche Ursache liegt oft nicht im fehlenden Mut.
Menschen fragen mich häufig, warum sie genau wissen, was sie eigentlich sagen oder tun möchten – und es trotzdem nicht schaffen.
Sie gehen aus einem Gespräch heraus und denken: „Warum habe ich schon wieder Ja gesagt?“
Oder sie ärgern sich noch Tage später über sich selbst, weil sie nichts gesagt haben.
Die naheliegende Erklärung lautet oft: „Ich bin einfach nicht selbstbewusst genug.“
Ich glaube allerdings, dass das nur selten die eigentliche Ursache ist.
Grenzen setzen scheitert oft nicht am Selbstbewusstsein
Wenn wir Grenzen setzen, passiert in unserem Gehirn und Nervensystem sehr viel mehr, als uns bewusst ist.
Vielleicht hast du früh gelernt:
- Harmonie ist wichtiger als Ehrlichkeit.
- Andere nicht zu enttäuschen sorgt für Sicherheit.
- Konflikte sind gefährlich.
- Anpassung schützt Beziehungen.
Wenn das über viele Jahre deine Erfahrung war, entwickelt dein Nervensystem eine sehr sinnvolle Überlebensstrategie. Es versucht, Konflikte zu vermeiden. Nicht weil du schwach bist. Sondern weil dein System dich schützen möchte.
Deshalb reicht positives Denken oft nicht aus
Du kannst dir hundertmal vornehmen: „Heute sage ich Nein.“
Wenn dein Nervensystem dabei Alarm schlägt, fühlt sich dieser Satz nicht nach Selbstfürsorge an, sondern nach Gefahr. Genau deshalb erleben viele Menschen Rückschläge und denken anschließend: „Mit mir stimmt etwas nicht.“
Dabei scheitert es häufig an einer ganz anderen Stelle: dem Maßstab.
Was stattdessen hilft
Ich arbeite mit einem Gedanken, der für viele zunächst ungewohnt ist: Nicht der perfekte Satz verändert dein Leben. Sondern der nächste kongruente Schritt.
Vielleicht bedeutet das heute noch gar nicht, laut Nein zu sagen. Vielleicht bedeutet er zunächst nur wahrzunehmen: „Eigentlich möchte ich gerade Nein sagen.“
Das klingt klein.
Für dein Nervensystem ist es oft ein riesiger Unterschied.
Selbstenergie statt Selbstoptimierung
Ich spreche gern von Selbstenergie.
Damit meine ich den Zustand, in dem du Entscheidungen nicht mehr ausschließlich aus Angst, Schuld oder Anpassung triffst, sondern zunehmend aus einer Verbindung mit dir selbst.
Je häufiger du diese Erfahrung machst, desto weniger musst du dich irgendwann überwinden. Nicht weil deine Angst verschwunden ist. Sondern weil dein Vertrauen in dich selbst gewachsen ist.
Vielleicht beginnt Selbstwert genau dort.
Nicht beim perfekten Nein. Sondern im ehrlichen Kontakt zu dir selbst.
